Schwerpunkt

Taktische Medizin

Versorgung unter schlechten Bedingungen

Die ersten Minuten entscheiden. Taktische Medizin ist das Handwerk für genau diese Minuten — wenn der Rettungsdienst noch nicht da ist, die Lage nicht sicher ist und trotzdem gehandelt werden muss. Wir unterrichten sie seit Jahren, zivil wie behördlich.

Die Grundidee

Was taktische Medizin von Erster Hilfe unterscheidet

Der klassische Erste-Hilfe-Kurs geht von einer sicheren Umgebung aus: Der Patient liegt da, der Rettungswagen ist unterwegs, man hat Zeit. Taktische Medizin nimmt die Annahme weg. Sie fragt zuerst, ob die Lage überhaupt zulässt, dass jemand hilft — und behandelt dann in einer Reihenfolge, die sich daran orientiert, woran Menschen in den ersten Minuten tatsächlich sterben.

Das Fach kommt aus dem militärischen Bereich (TCCC) und ist für zivile Lagen übersetzt worden (TECC). Gebraucht wird es längst nicht nur dort: bei Verkehrsunfällen, Arbeitsunfällen, auf dem Schießstand, bei Amoklagen — überall, wo eine starke Blutung schneller tötet, als Hilfe eintreffen kann.

Eine unkontrollierte Blutung kann in drei bis fünf Minuten tödlich sein. Der Rettungsdienst braucht in Berlin im Schnitt länger. Diese Lücke schließt niemand außer den Menschen, die schon da sind.

Die Reihenfolge

Was zuerst tötet, wird zuerst behandelt

Diese Reihenfolge ist der Kern des Fachs. Sie heißt MARCH, ist international einheitlich und funktioniert auch dann noch, wenn jemand unter Stress das halbe Wissen vergisst.

01

Massive Blutung

Starke Blutungen zuerst. Tourniquet hoch am Arm oder Bein, Wundauflage mit Druck, notfalls die Wunde ausstopfen. Alles andere hat Zeit, das hier nicht.
02

Atemweg

Ist der Weg frei? Bewusstlose in stabile Seitenlage, Kopf überstrecken, Fremdkörper entfernen. Ein blockierter Atemweg tötet lautlos.
03

Atmung

Atmet die Person, und wie? Thoraxverletzungen erkennen, offene Wunden am Brustkorb abdecken, Veränderungen beobachten.
04

Kreislauf

Puls, Hautfarbe, Bewusstsein. Weitere Blutungsquellen suchen, die man beim ersten Durchgang übersehen hat — unter Kleidung, unter dem Rücken.
05

Wärme

Auskühlung verschlechtert die Gerinnung und kostet Leben. Rettungsdecke, isolieren vom Boden, nass gewordene Kleidung entfernen.

Wer und wofür

Drei Ausgangslagen, ein Handwerk

Privatpersonen und Familien

Wer viel unterwegs ist, Kinder hat oder abseits wohnt, ist im Ernstfall die erste Hilfe vor Ort. Es geht nicht um Heldentum, sondern um vier Handgriffe, die sitzen.

Sportschützen und Vereine

Auf dem Stand liegt das Risiko in der Natur der Sache. Vereine tragen zudem Verantwortung für Gäste und Mitglieder — und brauchen ein Konzept, nicht nur einen Verbandkasten.

Behörden, Dienste und Unternehmen

Wer beruflich in Lagen gerät, in denen der Rettungsdienst wartet, bis es sicher ist, braucht eigene Fähigkeiten. Wir bilden hier seit Jahren aus, auf Wunsch mit eigenem Szenarienteil.

Ausrüstung

Das IFAK — vier Dinge, die man blind findet

Ein Individual First Aid Kit ist kein Verbandkasten. Es ist klein, immer am selben Platz und enthält genau das, was in den ersten Minuten hilft. Wer es sich zusammenstellt, sollte jedes Teil einmal in der Hand gehabt und angelegt haben — nicht erst im Ernstfall.

  • Tourniquet — geprüftes Modell, kein Nachbau vom Marktplatz. Der Unterschied kostet ein Leben, nicht zehn Euro.
  • Israeli-Bandage oder Druckverband — für alles, was sich abbinden nicht lässt.
  • Wundauflage zum Ausstopfen — Hals, Achsel, Leiste: Stellen, an denen kein Tourniquet greift.
  • Rettungsdecke und Handschuhe — Wärme erhalten, sich selbst schützen.

Welches Modell wofür taugt, worauf man beim Kauf achtet und warum das billigste Tourniquet das teuerste sein kann, steht ausführlich im Beitrag Dein IFAK.

Instruktor*innen

Wer das bei uns unterrichtet

Vier Ausbilder*innen mit TCCC- und TECC-Ausbildung. Zwei von ihnen kommen aus dem medizinischen Bereich, zwei aus dem taktischen — genau diese Mischung macht den Unterricht praxisnah.

Zum Weiterhören

Drei Podcasts, die das Thema greifbar machen

Taktische Medizin lernt man nicht nur im Kurs. Diese drei Sendungen begleiten das Thema aus drei Richtungen — Ausbildung, verlängerte Versorgung und Rettungsdienst-Alltag. Alle drei sind kostenlos.

Cover des Podcasts Taktische Medizin

Taktische Medizin

Bundeswehr · Deutsch

Der Podcast des Leitenden Rettungsmediziners der Bundeswehr. Fachlich dicht, ohne Effekthascherei — die beste deutschsprachige Quelle zum Thema.

Cover des Podcasts Prolonged Field Care Podcast

Prolonged Field Care Podcast

Dennis · Englisch

Die Referenz für verlängerte Versorgung: Was tun, wenn der Abtransport nicht in Minuten, sondern in Stunden kommt. Sehr praxisnah, sehr detailliert.

Cover des Podcasts NOTFALLeinsatz – retten: für alle im Rettungsdienst und in der Notfallmedizin

NOTFALLeinsatz – retten: für all…

Thieme Gruppe · Deutsch

Notfallmedizin aus dem Rettungsdienst-Alltag, herausgegeben von Thieme. Gute Brücke zwischen taktischer und regulärer präklinischer Versorgung.

Weiter

Drei Wege, es zu lernen

Trauma Response

Der Grundkurs über zwei Tage. Blutungen stoppen, Atemweg sichern, unter Stress arbeiten — für alle, die ohne Vorwissen anfangen.

Trauma Response for Sport Shooters

Dieselbe Systematik, zugeschnitten auf den Schießstand: Schussverletzungen, Vereinsverantwortung, Ablauf bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.

DEFENDER 1

Das große interdisziplinäre Seminar. Medizin ist hier ein Strang von mehreren — eingebettet in Lagebeurteilung, Schutz und Einsatztraining.