Recherche & Quellen

Die Geschichte des Krav Maga

Krav Maga hat keinen einzelnen Erfinder — auch nicht Imi Lichtenfeld. Was es hat, ist eine Entstehungsgeschichte, die vier Jahrzehnte vor seiner Ankunft in Palästina beginnt. Diese Seite erzählt sie so, wie die Quellen sie hergeben.

Vorbemerkung

Warum diese Seite anders erzählt

Die meisten Darstellungen der Krav-Maga-Geschichte beginnen 1910 in Budapest und enden bei der Feststellung, ein Mann habe ein System erfunden. Diese Erzählung ist bequem, gut vermarktbar — und sie hält der Aktenlage nicht stand. Krav Maga ist ohne Zweifel eine jüdische Entwicklung und in seiner heutigen Form ein Produkt Israels. Aber an seiner Entstehung haben zwischen 1880 und 1948 viele Menschen mitgewirkt. Wer verstehen will, warum Krav Maga so funktioniert, wie es funktioniert, kommt an ihnen nicht vorbei.

1904 – 1914Die Vorgeschichte

Selbstschutz-Erfahrung aus den russischen Pogromen kommt ins osmanische Palästina. Aus einem Freundeskreis von Wächtern entstehen die ersten bewaffneten Organisationen des Jischuw.

1930er – 1940erKAPAP

Unter dem Dach der Hagana entsteht eine systematische Nahkampfausbildung: Boxen, Ringen, Jiu-Jitsu und vor allem Stockkampf. Ein Handbuch fasst das Wissen zusammen.

1948 – 1964Die IDF-Jahre

Der Begriff Krav Maga taucht auf und verdrängt KAPAP — bei identischem Inhalt. Imi Lichtenfeld arbeitet in dieser Zeit an der School for Physical Training.

ab 1964Die zivile Welt

Imi verlässt das Militär und richtet das System auf Selbstverteidigung aus. Wingate, die IKMA und die USA machen daraus einen weltweiten Export.

Zur Quellenlage. Ein Teil der hier dargestellten Fakten stützt sich auf die Arbeit eines Wissenschaftlers, der zur Geschichte des Krav Maga forscht und uns Einblick in historische Dokumente ermöglicht hat. Seine Ergebnisse gefallen nicht allen, die heute das Erbe Imis verwalten — Egos, Geld und Macht spielen dabei ihre Rolle. Wir halten sie trotzdem für richtig, und wir legen offen, worauf wir uns stützen.

1904 – 1907

Die Wurzeln

Bevor es Krav Maga gab, bevor es KAPAP gab und lange bevor Imi Lichtenfeld israelischen Boden betrat, brachten Einwanderer aus Russland etwas mit, das sie dort gelernt hatten: Wie man sich organisiert, wenn niemand sonst einen schützt.

  1. 1904bis 1914

    Die zweite Alija

    Die Pogrome in Russland lösen eine Auswanderungswelle aus, die als zweite Alija in die Geschichte eingeht. Die jüdische Bevölkerung im osmanischen Palästina wächst in diesen zehn Jahren von rund 55.000 auf etwa 85.000 Menschen.

    Diese Zahl ist wichtig, um alles Folgende einzuordnen: Wir sprechen über eine sehr kleine Gemeinschaft und über eine Handvoll Personen, die den Aufbau ihrer Sicherheitsorganisationen prägten.

  2. 1904

    Alexander Zaid kommt an

    Geboren 1886 in Sibirien, mit dreizehn nach Wilna, mit fünfzehn Halbwaise und Betreiber der väterlichen Gießerei. In Wilna schließt Zaid sich einer zionistischen Arbeitergruppe an und wird von Michael Halprin ausgewählt — einer von dreißig, die Halprin an Wochenenden und in den Ferien im Wald ausbildet.

    Halprins Programm zielt auf den Aufbau einer jüdischen Streitmacht. Das körperliche Training umfasst ausdrücklich das Erlernen von Selbstverteidigungstechniken. Anfang 1904 reist Zaid über Wien und Alexandria nach Jaffa.

  3. ab 1904

    Das Land, in dem sie ankamen

    Osmanische Verwaltung, dünn besiedelt, verarmt. Die Zuständigkeit der lokalen Gouverneure war auf Steuern und Verwaltung zusammengeschrumpft; Militär und Gerichte unterstanden dem Kommandeur der Fünften Armee in Damaskus.

    Wo Behörden nicht präsent waren — und das war meistens der Fall — galt das Recht des Stärkeren. Einen Stock, Knüppel oder Kampfstab zu tragen war Alltag, und ihn im Streit einzusetzen die bevorzugte Art der Konfliktlösung. Hier liegt die Wurzel dessen, was Jahrzehnte später als Stockkampf ins KAPAP-Curriculum einging.

  4. 1905bis 1907

    Ein Kreis formiert sich

    Zaid trifft in der Kellerei von Rischon LeZion auf Israel Schochat, achtzehn Jahre alt, ebenfalls gerade aus Russland eingewandert, ebenfalls aus einer Selbstschutzgruppe. Beide erkennen, dass sie dasselbe Ziel verfolgen, und beschließen, achtzehn Gleichgesinnte zu finden.

    Dazu kommt Jehezkel Hankin, in seiner Jugend Boxer, der in Homel eine Selbstschutzgruppe von 400 jungen Männern kommandiert und sich als Dorfbewohner verkleidet Informationen über das bevorstehende Pogrom beschafft hatte. Schochat reist durch die Siedlungen und wählt aus: Israel Giladi, Zvi Beker, Jehezkel Nisanov, Mendel Portugali.

  5. 1906

    Was Wachdienst praktisch bedeutete

    Zaid übernimmt seine erste Wachstelle in den Weinbergen von Zichron Ja'akow. In der ersten Nacht wird ihm die Waffe gestohlen. Er stellt Diebe und schlägt einen bewusstlos, einem anderen bricht er ein Bein.

    Die Rache kommt nicht von den Dieben, sondern von acht arabischen Wächtern der Nachbarweinberge: Sie schicken einen falschen Dieb als Köder und prügeln Zaid mit ihren Knüppeln nieder. Er erreicht um zwei Uhr nachts die Erste Hilfe. Der Überfall hinterlässt einen dauerhaften Gedächtnisverlust.

  6. 1906

    Jiu-Jitsu in den Bergen von Jerusalem

    Zaid arbeitet inzwischen in der Steinmetz-Kommune in Jerusalem. Seine Frau Zipora schreibt 1947 über diese Zeit: Nach der schweren Arbeit trieben die Mitglieder der Kommune Sport, und samstags stiegen sie in die Berge, um Jiu-Jitsu-Techniken und französisches Ringen zu üben, dazu Laufen, Springen und Marschieren.

    Es ist einer der frühesten konkreten Belege für organisiertes Nahkampftraining im Jischuw — vier Jahrzehnte, bevor irgendjemand das Wort Krav Maga benutzte.

  7. 29.9.1907

    Bar-Giyora

    In der Hütte von Jitzchak Ben-Zvi in Jaffa findet die Gründungsversammlung des Geheimbundes Bar-Giyora statt. Aus ihm geht Haschomer hervor, die erste jüdische Wachorganisation des Landes — und damit die Linie, an deren Ende die Hagana, die Palmach und schließlich die IDF stehen.

    Von hier an gibt es eine Organisation, die Nahkampf systematisch ausbilden kann. Alles Weitere ist ihre Geschichte.

1930er – 1945

KAPAP: Das System vor dem Namen

Das, was heute Krav Maga heißt, existierte als Ausbildung, bevor es diesen Namen trug. Es hieß KAPAP, es wurde von einer namentlich bekannten Gruppe von Instruktoren im britischen Mandatsgebiet entwickelt, und sein Kern war jahrelang gelehrt worden, bevor Imi Lichtenfeld Instruktor in der Palmach wurde.

  1. Mitte1930er

    Sport Magen

    Unter dem Dach der Hagana, der jüdischen paramilitärischen Untergrundorganisation im britischen Mandatsgebiet, entsteht eine systematische Ausbildung. Sie läuft zunächst unter dem Namen Sport Magen — Verteidigungssport — und umfasst Boxen, Ringen, Jiu-Jitsu und sogar das Werfen von Steinen.

    Später setzt sich die Bezeichnung KAPAP durch, kurz für קרב פנים אל פנים — Krav Panim el Panim, Kampf von Angesicht zu Angesicht.

  2. 1940

    Der Reiterangriff von Haifa

    Ein 21-jähriger namens Maishel Hurwitz wird zum Kommandeur des Dachverbands der sozialistischen Jugendbewegungen ernannt. Der Verband organisiert Demonstrationen gegen die britische Mandatsregierung.

    Bei einer Massendemonstration in Haifa schicken die Briten eine kleine Kavallerieeinheit in die Menge. Die Soldaten reiten hindurch, schlagen mit ihren Stöcken einige Köpfe ein, und die Demonstration löst sich in Panik auf. Hurwitz nimmt sich vor, dafür eine Antwort zu finden.

  3. 1940

    Sechzig Zentimeter

    Seine Lösung ist ein kurzer Stock von 60 cm Länge, der sich im Hemdsärmel verbergen lässt. Die Technik muss so einfach sein, dass sich viele Menschen in kurzer Zeit ausbilden lassen.

    Hurwitz baut sie auf zwei Prinzipien auf. Erstens: Mit dem natürlichen Reflex arbeiten — wer einen Schlag auf den Kopf abwehrt, hebt die Arme; also hebt er sie künftig mit einem Stock darin. Zweitens: Bei einem Angriff nicht zurückweichen, sondern auf den Angreifer zulaufen und seinen Stock blockieren. Von dort geht es in den eigenen Angriff über. Wer heute Krav Maga trainiert, erkennt beide Prinzipien sofort wieder.

  4. Ende 1940

    Die Bewährungsprobe

    Uri Brener, später stellvertretender Kommandeur der Palmach, holt Hurwitz in seinen Kibbuz, um die Mitglieder gegen einfallende Hirten zu wappnen. Während er dort ausbildet, eskaliert in der Nachbarschaft ein Landstreit.

    Eine kleine Gruppe von Kibbuzmitgliedern stellt sich Hunderten von Dorfbewohnern entgegen — bewaffnet nur mit den kurzen Stöcken. Sie setzen sich durch. Die Nachricht davon verbreitet sich im ganzen Land.

  5. 1940/41

    Verbot und Rückholung

    Die Hagana lässt Hurwitz daraufhin ihre eigene Führungsriege ausbilden. Bei der Abschlussvorführung trifft ein Lehrgangsteilnehmer den Kopf seines Partners; es blutet stark. Jaakow Dori, Stabschef der Hagana und später erster Generalstabschef der IDF, sieht zu, ist entsetzt und verbietet das Stockkampftraining.

    Wenige Monate später wird die Palmach aufgestellt, die Eliteeinheit der Hagana. Ihr erster Kommandeur Jitzchak Sadeh holt Hurwitz zurück — die Folgen, sagt er, werde er selbst tragen.

  6. bis 1945

    LAHAD

    Über mehrere Jahre bildet Hurwitz im Ausbildungszentrum der Hagana Instruktoren und Mitglieder der Palmach in KAPAP, Stockkampf und Jiu-Jitsu aus — in Lehrgängen im ganzen Land.

    1945 zieht er sich in den Kibbuz Heftzi-bah zurück. Eine neue Generation übernimmt die Ausbildung und trägt KAPAP durch die 1950er Jahre in die IDF hinein, wo daraus Krav Maga wird.

  7. Was KAPAPumfasste

    Mehr als Nahkampf

    KAPAP war nie ein reines Hand-zu-Hand-System. Zur Ausbildung gehörten Erste Hilfe, Überlebenstraining, Sprengstoffausbildung, Schießausbildung und der Nahkampf mit dem Messer.

    An der Entwicklung dieser Ausbildung waren unter anderem zwei Briten maßgeblich beteiligt: W. E. Fairbairn und E. A. Sykes, deren Nahkampfmethoden auch die britischen und amerikanischen Spezialkräfte des Zweiten Weltkriegs prägten.

Der Maßstab

Ein Werkzeug, kein Selbstzweck

Krav Maga wurde als Werkzeug entwickelt. Ein Werkzeug kann, wie jede Form von Waffe, für gute oder schlechte Zwecke verwendet werden. Es liegt an denen, die es weitergeben, dafür zu sorgen, dass es im Sinne dieses Satzes eingesetzt wird.

„… that one may walk in peace.“

Imi Lichtenfeld

1910 – 1944

Imi Lichtenfeld

Imi Lichtenfelds Biographie ist beeindruckend, und sie gehört auf diese Seite. Nur erklärt sie nicht, was sie erklären soll: Seinen Lebensweg zu kennen hilft zu verstehen, wie er unterrichtete und wofür er das System später öffnete — nicht, wie es entstand.

  1. 1910

    Geburt in Budapest

    Imrich Lichtenfeld wird 1910 in Budapest geboren und wächst in Bratislava auf, der Hauptstadt der heutigen Slowakei. Humanistische Bildung, Sport sowie Recht und Ordnung prägen seine Erziehung.

  2. 1920er

    Der Vater

    Sein Vater Samuel ist Polizist im Rang eines Hauptkommissars und unterweist seine Leute in Selbstverteidigung, in der Bewältigung gewalttätiger Auseinandersetzungen und in Festnahmetechniken.

    Bemerkenswert ist, worauf er dabei Wert legt: Auf moralisch einwandfreies Verhalten selbst gegenüber Kriminellen und aufrührerischen Bürgern. Seine Techniken entsprachen den gesetzlichen Vorgaben der Polizeiarbeit. Imi nimmt schon als Junge am Training der Polizisten teil.

  3. 1930er

    Der Sportler

    Mit Unterstützung seines Vaters erlernt Imi eine ganze Reihe von Sportarten: Gymnastik, Schwimmen, Ringen, Boxen. Er gewinnt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, vor allem im Ringen und Boxen. Eine Zeit lang gilt er als bester Ringer Europas.

  4. 1936bis 1940

    Die Straßenkämpfe

    In Bratislava wie im übrigen Europa nehmen faschistische und antisemitische Strömungen zu. Imi wird Anführer einer kleinen Gruppe junger Juden, die sich den Banden entgegenstellt, wenn diese ins jüdische Viertel einfallen — oft zu Hunderten.

    Vier Jahre harter Straßenkämpfe verändern ihn grundlegend. Aus dem Wettkampfsportler wird ein fähiger und entschlossener Nahkämpfer. Diese Erfahrung prägt seine Art zu unterrichten — sie ist aber nicht der Ursprung des Systems, das später Krav Maga heißen wird.

  5. 1940

    Die Flucht

    Imi gerät wegen seiner Aktivitäten ins Fadenkreuz der lokalen Behörden und der Nazis. Er verlässt Bratislava mit dem letzten Schiff, das den Nazis noch entkommt.

    Es dauert zwei Jahre, bis er sein Ziel erreicht — und er wäre unterwegs beinahe gestorben, als er Mitreisenden half.

  6. 1942

    Ankunft in Palästina

    Imi beendet seinen Dienst in der britischen Armee und erhält die Genehmigung, nach Palästina einzureisen. Dort tritt er der Hagana bei, in der bereits einige seiner früheren Freunde und Schüler dienen.

  7. 1944

    Ausbilder in der Palmach

    Imi beginnt, Kämpfer körperlich auszubilden, unter anderem im Messerkampf und in der Verteidigung gegen Messerangriffe. Zu den Einheiten, die er ausbildet, gehören Vorläufer der IDF-Spezialeinheiten, der Marinekommandos und der Polizei.

    Er unterrichtet dabei das bestehende KAPAP-Curriculum — jenes System, das Hurwitz, Kopler, Markus und andere in den Jahren zuvor zusammengetragen hatten.

1947 – 1964

Die IDF-Jahre

Dies ist der Abschnitt, um den die meisten Auseinandersetzungen geführt werden. Er stützt sich auf Handbücher, Dienstakten und die Arbeit eines Wissenschaftlers, der zur Geschichte des Krav Maga forscht — nicht auf Verbandserzählungen.

  1. 1947/48

    Das Handbuch „Judo Schimuschi“

    Es erscheint ein Handbuch unter dem Titel Judo Schimuschi — „praktisches, nützliches, gut anwendbares Judo“. Der Begriff war zu dieser Zeit längst gebräuchlich und wurde synonym zu KAPAP verwendet.

    Gewidmet ist das Handbuch dem Andenken an Gerschon Kopler und Jehuda Markus. Ihnen wird darin zugeschrieben, diesen Wissensbestand zusammengetragen und methodisch systematisiert zu haben — ausdrücklich nicht, ihn erfunden zu haben.

  2. 1948

    Der Begriff taucht auf

    Krav Maga (קרב מגע, wörtlich Kontaktkampf) erscheint als eigenständiger Begriff für ein Nahkampfsystem bei der IDF nicht vor 1948. Bis dahin hieß das System bei den paramilitärischen und später militärischen Vorläufern der IDF KAPAP.

  3. 1948bis 1958

    Zwei Namen, ein System

    Ein volles Jahrzehnt lang beschreiben KAPAP und Krav Maga exakt dieselben Übungen und Techniken und werden gegeneinander austauschbar verwendet. Ein dritter Begriff, Judo Schimuschi, war ebenso gebräuchlich.

    Daraus folgt die einfachste und zugleich unbequemste Schlussfolgerung dieser Seite: Wer ein System weder verändert noch wesentlich weiterentwickelt, hat es auch nicht erfunden.

  4. 1948bis 1964

    School for Physical Training

    Hier werden alle Nahkampfausbilder der IDF ausgebildet, und hier dient Imi sechzehn Jahre lang. Das Handbuch von 1947 bleibt dreizehn Jahre lang die Grundlage sämtlicher einschlägiger Lehrgänge.

    Die gesamte Abteilung für körperliche Ausbildung ist mehrheitlich mit Palmach-Veteranen besetzt — wie Imi selbst. Entsprechend wurde das Nahkampf-Curriculum im Wesentlichen aus der Palmach übernommen.

  5. 1953

    Die Kommission

    Die IDF wird einer Revision unterzogen. Für jede Disziplin, die an der Schule unterrichtet wird, entsteht eine Kommission. Eine davon ist die Kommission für Krav Maga, und Imi wird ihr Leiter.

    Der Auftrag ist präzise formuliert: Das Handbuch Judo Schimuschi so zu überarbeiten und zu straffen, dass es für die Bedürfnisse der Grundausbildung in den Kampfeinheiten taugt. Das ist die einzige — im Wesentlichen organisatorische — Revision, der KAPAP beziehungsweise Krav Maga vor 1964 unterzogen wird.

  6. um 1960

    Der Titel

    Den Titel Chief Krav Maga Instructor gab es bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre gar nicht. Am wahrscheinlichsten wurde er erst um 1960 eingeführt.

    Imi wuchs also über die Jahre in die Rolle des leitenden Ausbilders hinein — er hatte sie nicht von Beginn an inne.

  7. 1960

    Das Handbuch heißt jetzt Krav Maga

    Ein neues Handbuch erscheint, diesmal unter dem Titel Krav Maga. Inhaltlich enthält es keine Veränderungen gegenüber dem Handbuch von 1947.

    Es dokumentiert damit keine Systemreform, sondern eine Umbenennung: Krav Maga war zum bevorzugten Begriff für diesen Wissenskomplex geworden, und es war Zeit für ein Handbuch, das den aktuellen Stand unter dem aktuellen Namen abbildete.

  8. 1964

    Ende des Militärdienstes

    Imi beendet seinen Dienst bei der IDF. Was danach kommt, ist sein eigentlicher und bleibender Beitrag — er beginnt aber erst hier.

Gegenüberstellung

Mythos und Beleglage

Leider schreiben Journalisten, Buchautoren und ganze Verbände in dieser Frage gerne voneinander und von Wikipedia ab. Hier stehen die verbreiteten Behauptungen neben dem, was sich aus Handbüchern, Dienstakten und Zeitzeugenberichten ergibt.

Was oft erzählt wirdWas die Quellen zeigen
„Imi Lichtenfeld hat Krav Maga erfunden.“
Bis mindestens 1958 sind KAPAP und Krav Maga inhaltlich dasselbe System. Der Kern des Curriculums wurde gelehrt, bevor Imi Instruktor in der Palmach wurde. Wer ein System weder erfindet noch wesentlich verändert, ist nicht sein Erfinder.
„Krav Maga entstand aus Imis Straßenkämpfen in Bratislava.“
Wenn Imi das System nicht erfunden oder weiterentwickelt hat, gibt es keine inhaltliche Verbindung zwischen Bratislava und Krav Maga. Seine Prägung floss in seinen Stil ein, nicht in die Entstehung des Systems.
„Imi wurde geholt, um die untaugliche Selbstverteidigung der IDF zu ersetzen.“
Das ist im besten Fall ein grobes Missverständnis der Faktenlage, im schlechtesten eine Verzerrung mit dem Zweck, Imis Rolle zu vergrößern. 1953 leitete er eine Kommission mit dem klaren Auftrag, ein vorhandenes Handbuch für die Grundausbildung zu straffen.
„Imi war von Anfang an Chefausbilder der IDF.“
Den Titel gab es bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre nicht; eingeführt wurde er wahrscheinlich erst um 1960. Imi wuchs über Jahre in diese Rolle hinein.
„Krav Maga ist ein gut gehütetes Geheimnis des Mossad.“
Krav Maga ist zwar Teil der Grundausbildung von Agenten, aber vor allem eines: Breitenausbildung. Wehrdienstleistende und Polizisten lernen es — nicht ein exklusiver Zirkel.
„Krav Maga hat einen Gründer.“
An der Entwicklung haben zwischen 1880 und 1948 viele Menschen mitgewirkt. Wollte man die wichtigsten nennen, wären es wohl Gerschon Kopler (Jiu-Jitsu, Boxen), Jehuda Markus (Jiu-Jitsu, Judo, übrigens aus Deutschland stammend) und Maishel Hurwitz (Stockkampf).

Und was bleibt dann von Imi? Eine Menge. Er hat jahrelang an der Ausbildung in Palmach und IDF mitgewirkt und damit seinen Stil eingebracht. Vor allem aber hat er nach 1964 sein Wissen genutzt, um diesen israelischen Nahkampfstil für die Zwecke der Selbstverteidigung zu optimieren und ihn in die zivile Welt zu tragen — zunächst in Israel, dann in den USA. Ohne diesen Schritt gäbe es kein ziviles Krav Maga. Das ist keine kleine Leistung. Sie ist nur eine andere als die, die ihm zugeschrieben wird.

1964 – 1998

In die zivile Welt

Hier beginnt der Teil der Geschichte, in dem Imi Lichtenfeld tatsächlich die Hauptrolle spielt. Ohne ihn wäre der israelische Nahkampf eine Angelegenheit von Armee und Polizei geblieben.

  1. ab 1964

    Krav Maga für Zivilisten

    Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär beginnt Imi, Krav Maga für zivile Zwecke weiterzuentwickeln. Das Ziel verschiebt sich: Weg von der Ausbildung von Soldaten, hin zu der Frage, wie jede und jeder einen Angriff überlebt und dabei möglichst wenig Schaden nimmt.

    Er sorgt dafür, dass Krav Maga leicht erlern- und anwendbar wird, dass erreichte Leistungsstände mit minimalem Aufwand zu halten sind und dass es auch unter stärkstem Stress funktioniert.

  2. späte 1960er

    Zwei Trainingszentren

    Um sein Werk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, gründet Imi zwei Trainingszentren in Tel Aviv und Netanya. Berater für das Militär und andere israelische Sicherheitskräfte bleibt er bis zuletzt.

  3. 1972

    Wingate

    Am israelischen Wingate-Institut werden erstmals nicht-militärische Krav-Maga-Instruktoren ausgebildet. Dieser Schritt ist der eigentliche Startpunkt der zivilen Verbreitung — in Israel und international.

  4. 1978

    Israeli Krav Maga Association

    Imi gründet die IKMA und bleibt ihr Präsident bis zu seinem Tod. Sie soll als Vehikel dienen, Krav Maga in Israel und in anderen Teilen der Welt bekannt zu machen.

  5. 1981

    Der Sprung in die USA

    Die internationalen Aktivitäten beginnen, hauptsächlich in den Vereinigten Staaten und unter Federführung von Darren Levine. Von hier aus wird Krav Maga zu dem, was es heute ist: Ein israelischer Exportschlager.

  6. 1998

    Imis Tod

    Imi Lichtenfeld stirbt im Alter von 87 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt wird Krav Maga in weiten Teilen der westlichen Welt bei namhaften Spezialeinheiten und Behörden gelehrt.

Gegenwart

Krav Maga heute

Heute wird Krav Maga in weiten Teilen der westlichen Welt bei Spezialeinheiten und Law-Enforcement-Behörden gelehrt und hat dort ältere Systeme verdrängt. Was dabei unter dem Namen läuft, unterscheidet sich allerdings erheblich.

01

Prinzipien

Nicht Techniken

Krav Maga basiert eher auf Prinzipien als auf festen Techniken. Diese Prinzipien funktionieren universal und lassen sich mit unterschiedlichen Techniken für unterschiedliche Zwecke einsetzen — für Festnahmen und Personenkontrollen im Law-Enforcement-Bereich ebenso wie für die Selbstverteidigung.

02

Diversifizierung

Ab Mitte der 1970er

Mit der Verbreitung setzte ein Auseinanderdriften ein. Im zivilen Bereich entstanden Verbände mit Programmen, die Krav Maga eher als Fitnessangebot behandeln denn als Nahkampfsystem. Auf der anderen Seite haben israelische Spezialeinheiten Ausprägungen geschaffen, die extrem effizient und eng an taktischen Bedürfnissen orientiert sind.

03

Verantwortung

Was daraus folgt

Wer Krav Maga unterrichtet, entscheidet mit, in welche Richtung es sich entwickelt. Deshalb halten wir es für nötig, die eigene Herkunft zu kennen — und sie nicht schöner zu erzählen, als sie war.

Belege

Quellen und Anmerkungen

Wir nennen offen, worauf diese Seite beruht. Der Wissenschaftler, dessen Faktensammlung den Kern des IDF-Kapitels bildet, wird auf eigenen Wunsch nicht namentlich genannt.

  1. Interne Recherche der Streetwise Academy zur Entstehung des Krav Maga (Oliver Hoffmann), in mehreren Fassungen. Grundlage der biographischen Abschnitte zu Imi Lichtenfeld und der Darstellung der heutigen Entwicklung.
  2. Faktensammlung eines Wissenschaftlers, der zur Geschichte des Krav Maga forscht. Er stützt sich auf Biographien, Zeitzeugenberichte und historische Dokumente, darunter die Handbücher von 1947 und 1960 sowie Unterlagen der School for Physical Training. Grundlage des Kapitels zu den IDF-Jahren und der Gegenüberstellung.
  3. Darstellung der Familie Hurwitz zum Wirken von Maishel Hurwitz, veröffentlicht 2019 anlässlich seines 100. Geburtstags und des zehnten Jahrestags seines Todes. Grundlage des Abschnitts zum Stockkampf.
  4. Arbeitspapier „Early beginnings: The precursors of Israeli hand to hand combat“ zur Vorgeschichte ab 1904. Es stützt sich unter anderem auf die Memoiren von Alexander Zaid und Israel Schochat, auf einen Text von Zipora Zaid aus dem Jahr 1947 sowie auf die Arbeiten von Uziel Lev.
  5. John Bierman, „Odyssey“, Simon & Schuster, New York, 1984 — zu Imi Lichtenfelds Flucht aus Bratislava im Jahr 1940.
  6. Anmerkung zu abweichenden Jahreszahlen. Für das Ende von Imis Militärdienst nennen ältere Darstellungen — auch unsere eigene frühere Fassung — das Jahr 1963. Wir folgen hier den Dienstunterlagen und nennen 1964. Ähnliche Unschärfen sind bei einer Geschichte, die lange mündlich weitergegeben wurde, die Regel und kein Zeichen von Unredlichkeit.

Und heute?

Geschichte lernt man am besten auf der Matte

Wer wissen will, warum Krav Maga so trainiert wird, wie es trainiert wird, sollte es einmal selbst gemacht haben. Komm vorbei und probier es aus — die Einordnung liefern wir im Training gleich mit.